· 

Simple Life Experiment Albanien

Albanien - du prachtvolle Perle

 

Hier sitze ich nun, auf der Terrasse des Steinhauses in Kukel, einem kleinen Ort im Nordwesten von Albanien und schreibe, so wie ich immer schreiben wollte. Der Wunsch war immer auf einer Terrasse zu sitzen und aufs Meer zu blicken. Jetzt blicke ich in einen wunderschönen Baumgarten. Die Eschen blühen ringsherum, sowie die Rosen, der Klee, der Frauenmantel, die Malve. Ich rieche die Kräuter, die an einer reichen Vielzahl im Garten des Steinhauses gedeihen. Sie sind so vielfältig, dass es schwer ist, sie alle aufzuzählen. Sitze ich im Paradies? Es ist warm und die Sonne heizt das Land im Mai schon auf fast 30 Grad auf. Rings um mich höre ich die Bewohner, des kleinen Dorfes, das stehen geblieben scheint, geschäftig in ihrem Alltagsleben. Doch meist höre ich die Tiere, die mich umgeben. Es gibt viele Tiere in Kukel, mehr Tiere als Menschen und sie alle haben mich die Wochen begleitet, die ich hier verbringen durfte. Der Zufall oder besser gesagt, das glückliche Schicksal, hat mich hierher geführt. In eine Welt, die noch in Ordnung scheint. In ein Alltagsleben, welches ich in Österreich beim Verlassen in der Corona Krise schon vergessen hatte.

Es gibt noch Menschen, die sich treffen. Menschen, die zusammensitzen, lachen, arbeiten und man sieht Gesichter. Tatsächlich. Man kann Münder erkennen und Augenfalten, Gesichter, die das Leben zeichnete, mit tiefen Furchen und strahlende Kindergesichter. Wenn man genau zuhört, auch wenn man die Sprache nicht versteht, und die Augen aufmacht, auch wenn die Sonne ins Gesicht scheint, dann sieht man die Lebensfreude dieser Menschen, die oft ein einfaches Dasein bestreiten. Ihr Tag ist lang und sie sind ausdauernde Personen. Bis ins hohe Alter gehen sie notgedrungen zu Fuß und ich habe mir angewohnt, stehen zu bleiben, wenn sie am Straßenrand mit einem Handzeichen zu verstehen geben, dass sie darum bitten, mitgenommen zu werden. Sie strahlen mich an, die Alten und können nicht verstehen, was ich hier will. Leider kann ich noch kein Albanisch. Doch es scheint mir, dass dies eine Sprache ist, die ich noch lernen will. Albanien, du bezauberndes Land. Eine Perle am europäischen Kontinent. So lange versteckt und falsch behandelt. Und genau das macht es aus. Es ist noch nicht so verdorben. Kultur, altes Wissen, Handwerk, Handarbeit und der Mensch zählen noch. Bei denen, die nichts oder wenig haben. Sie wollen nichts schuldig bleiben und man muss vorsichtig mit dem Schenken sein. Beginnt man erst einmal, bekommt man ständig irgendetwas zurück. Milch, Eier, Käse, Fleisch, Feigenmarmelade, Butter, Butterschmalz, Joghurt. Alles selbst von den Frauen hergestellt. Fast jede Frau kennt noch die Geheimnisse dieser alten Traditionen. Ich bin eine von wenigen, die die Milch noch so will, sagt meine Nachbarin. Die anderen Touristen bevorzugen die sterilisierte Milch vom Supermarkt. Seit Wochen essen ich nur Dinge, die nicht aus dem Supermarkt kommen. Sie alle kommen von den Bauern ringsherum. Die Schafe, mit ihrem langen Fell, die Ziegen, die neugierig meinen Hund betrachten und immer bereit sind, ihre Jungen mit ihren langen Hörnern zu verteidigen, die Kühe, die mit ihrem Herrchen auf einen Spaziergang und auf Futtersuche gehen, sie alle sind ständig um mich. Morgens wecken mich die Hähne auf, die den Tag verkünden und abends trällert mich ein mystischer Vogel, dessen Schrei ich nicht kenne, ins Bett. Wenn ich die hundertste letzte Zigarette abends rauche, leuchten mir die Sterne ins Gesicht und der Mond strahlt mich mit seiner ganzen Größe an. So kraftvoll die Hähne schreien, so hell strahlt mich die Sonne morgens an und gibt mir die Energie aufzustehen. Mit der Sonne aufzustehen und mit dem Mond schlafen zu gehen, so habe ich mir das vorgestellt.

Die Wärme tut meinen Knochen und meinem Körper gut. Es ist angenehm, wenn man nicht friert. Die Kälte in den Bergen, der dauernde Regen und Schnee ist zwar gut für die Natur, doch nichts für mich.

Das Haus gehört einem Baumschützer und einem Vorreiter in dieser Region. Die anderen verbrennen die Bäume, um mehr Weidefläche für die Schafe und die Ziegen zu schaffen. Mein Vermieter setzt sie um oder extra an. Ist das ein Zufall, dass ich hier bin? Ich glaube nicht mehr an Zufälle.

Beim Schreiben dieses Blogs kann ich in weiter Ferne die Berge sehen. Als ich gekommen bin, war noch Schnee auf den Bergen. Inzwischen sind nur mehr die höchsten Gipfel mit dem Weiß bedeckt.

Gleicht vor mir stehen die 10 bis 15 Jahre alten Eschen, die gerade blühen und das romantische Bild ausmachen, welches dieses Haus ausmacht, egal aus welcher Perspektive man es betrachtet. Hinter dem Haus ist ein Hügel, den die Schafe und die Ziegen bewohnen und in der Mittagssonne Siesta halten. Dann wird es ganz still im Dorf und die Menschen rasten, um für die Arbeit am Abend wieder fit zu sein. Es gibt viel zu tun, wenn die Tiere nach Hause kommen. Sie gehören gemolken, gefüttert und versorgt. Oft übernehmen die Kinder und Jugendlichen oder die Alten das Hüten der Tiere. Sie verbringen Stunden mit ihnen auf der Weide. Die Frauen fahren manchmal zu den Tieren aufs Feld, um sie zu melken.

Morgens wenn ich es schaffe, vor mittags vom Haus wegzukommen, sehe ich die Menschen mit ihren Milchbehältern warten, bis diese eingesammelt wird. Das wird von einem kleinen Transporter erledigt. Die Menschen bringen ein paar Liter zur Sammelstelle oder warten am Straßenrand bis der Transporter anhält. Manche bringen die Dinge mit einem Eselkarren. Die mutigen Männer stehen auf dem Karren, der von einem Esel, einem Muli oder Pferd gezogen wird. Die Tiere sind brav und folgsam, sie wissen, dass sie benötigt werden und welche Aufgabe sie zu erledigen haben. Ein Esel steht jeden Tag stur mitten auf der Straße. Wenn ich mit dem Auto komme, muss ich ausweichen. Er bewegt sich nicht von der Stelle. Nur wenn ich an ihm vorbeifahre, schaut er mir nach. Was er wohl denkt?

Die Straßen sind voll von Menschen am Morgen. In den Kaffeehäuser wird getratscht, die Kinder gehen zur Schule. Es wird eingekauft, gehandelt, getragen, gearbeitet, repariert, entsorgt, gegangen, gebaut, geschliffen und der Verkehr ist rege. So viele Sinneseindrücke erfreuen meine Augen, ich weiß nicht wohin ich zuerst schauen soll. Am besten auf die Straße, denke ich mir, denn dort ist ebenfalls ein buntes Treiben. Viele Fahrräder, Mopeds, Eseln, alte Rostschüsseln und fette Audis, BMW und Mercedes. Es ist nicht selten, dass mich ein Maserati oder ein Porsche Jeep überholt. Während manche ihren Flohmarkt auf der Straße ausbreiten, erscheinen sehr gut gekleidete und überaus attraktive Männer aus den Läden.

Die Kirchenglocken läuten die Bewohner zum Gottesdienst, während der Muezzin von seiner Kanzel singt und in die Moschee einlädt. Kunterbuntes religiöses Treiben. Schön dass es das gibt. Nennt man das Religionsfreiheit? Wie das ist, fragen meine Freundinnen, als ich ihnen davon erzähle. Für mich persönlich ist diese Vielfalt schön, beantworte ich die Frage. Ich mag auch das Singen von der Kanzel. Die ständige eintönige Pimmelei kann auch ganz schön nervig sein, finde ich.

„Mach viele Fotos“. Mit diesen Worten versuchen mich meine Freunde zu mehr Bildern und Videos anzustiften. Und ich denke mir: "Das kann man mit Fotos nicht alles wiedergeben. Wo beginnen und wo aufhören? Jede Ecke bietet neue Eindrücke für mich. Soll ich den Esel fotografieren, der dem Bauern beim Holz machen hilft, oder die Zigeuner (das darf man wieder nicht sagen, das ist wieder eine Beleidigung laut unseren Gesetzen, die Frage ist nur, wie man es jetzt gerade formulieren darf, bevor sich die Gesetzeslage wieder ändert), die ihre Ware am Straßenrand verkaufen. Oder soll ich jeden Millimeter der Stadt Shkoder fotografieren, wo sich jeden Meter das Bild ändert? Vielleicht doch besser die traumhaft schönen, romantischen Strände, die eingebettet in Naturschutzgebieten, zum Verweilen und Küssen einladen? Die Fischer, die mit den verschiedensten Techniken von den Muscheln über die Krabben zu den Fischen an vielen Ecken stundenlang stehen oder sitzen, während sich der Plastikmüll, den das Meer anschwemmt, mancherorts türmt. Das Abbrennen der Müllhalden könnte ich noch fotografieren, denke ich mir, während ich eine Frau in ihrer Tracht sehe und mich nicht mehr entscheiden kann, was ich nun festhalten soll.

 

 

Albanien, du bist ein wunderbares Land. So vielseitig und so bunt, wie das Leben sein kann. Ich , habe beschlossen, dich besser in Worte zu fassen, um es den Menschen schmackhaft zu machen, dich zu besuchen, um dich mit ihren eigenen Augen kennen zu lernen. Wenn sie deine Seen, deine Berge, deine Pflanzen, deinen Lebensstil und die Lebensfreude kennenlernen, die man sogar durch das Radio wahrnimmt (ich habe schon lange nicht mehr soviel Radio gehört, wie hier), an deinen Stränden ihre Seele baumeln lassen und mit dem Fernglas die paradiesischen Vögel beobachten, das Moderne und das Alte nebeneinander erkunden, die Traditionen und die Kultur beobachten, erst dann werden sie dich wirklich verstehen. Ich trenne mich schwer von dir und gehe nur mit schwerem Herzen zurück in ein durchkalkuliertes, gestriegeltes Land, in eine Maskerade, die den Menschen nicht gut tut, und werde so schnell es geht wieder hier her zurück kommen und länger bleiben, um meinen Wortschatz zu erweitern. Faleminderit.